Rezension "der Auf-Merker" von Annette Förster

Von Vor dem Sturm oder Die Dreigliederung des sozialen Organismus

Ein Filmprojekt von Rainer Schnurre im Jahr 2020


Durch die gemeinsame Lösungsfindung zu den Fragen im sozialen Miteinander wird es möglich, Frieden zu erschaffen – als etwas Erlebbares und Wesenhaftes in jedem Gespräch, jeder Begegnung und jedem Organismus. Dies kann nur vom einzelnen Menschen seinen Anfang nehmen…


Ein Film in drei Teilen, der das eigene, innere Menschsein erweckt und Herz und Seele berührt; der nach-denklich stimmt und schlicht, aber kompromiss los Versäumnisse und Fehlentscheidungen im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen aufzeigt; der vor-gedacht Zukunftsimpulse setzt, die ein Tor öffnen für einen gangbaren Weg zur Gesundung der sozialen Verhältnisse durch die Kraft und den freien Willen jedes einzelnen Menschen. Das schöpferisch Machtvolle ist in jedem Menschen veranlagt und drängt stetig zur Verwirklichung.

Jeder Einzelne kann zum Frieden in sich und der Welt beitragen!

Ein „Penner“ als Hauptdarsteller, der vom Leben gelernt hat, seinem eigenen Schicksalsweg zu vertrauen; der sich bedeutsamer Kindheitserlebnisse erinnert und anknüpfend an diese fragend nach der „Weltenwahrheit“ sucht; der eigene Lebensideale ausbildet, die durch erlebte Verwundungen und vermeintliche „Rückschritte“ nur noch klarer und kraftvoller in ihm erwachsen und zur Umsetzung drängen; der als Ausgegrenzter am Rande einer modernen, kalten Welt sich selbst und seinen Idealen treu bleibt – Wahrheit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle.


Vier junge Männer, die sich zusammenfinden und verabreden, mit dem „Penner“ einen Film drehen zu wollen, um herauszufinden, warum er in den Straßen von Berlin – täglich von Neuem – die Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Kreide auf Straßen, Brücken und an Mauern schreibt. Die vier jungen Menschen im Alter zwischen 19 und 33 Jahren, beschult und ausgebildet in einem Bildungssystem eines vermeintlich demokratischen „Einheitsstaates“, lassen sich während des Filmprojektes auf einen Weg ein, der ihnen abverlangt, ihr bisheriges Denken zurückzunehmen und sich für die „verrückten“ Ansichten des Hauptdarstellers ihres Films zu öffnen. Sie suchen und stellen ihm ihre Fragen und lassen sich von seiner völlig anderen Sicht auf die gesellschaftlichen Phänomene in eine neue Welt mitnehmen und inspirieren. Sie entdecken im Verlauf der Interviews, die sie mehrfach mit dem „Penner“ arrangieren, die Stärke und Freiheit ihres eigenen Denkens und erleben, dass diese gegenseitig gewährte Freiheit im Geistesleben der Schlüssel in ihrem Miteinander wird – durch achtsames, wahrnehmendes Lauschen und Fühlen, das im Zwischenraum aller Beteiligten webt und lebt und einen neuen gemeinsamen Verwirklichungsraum erschafft.


Eine Schauspielerin, die professionell die Interviews leiten soll, aber ungläubig, zweifelnd und manchmal belächelnd der Welt des „Penners“ gegenübertritt. Erst im Verlauf der Interviews kann sie die Fremdartigkeit ihres Gegenübers mehr und mehr verstehen, respektieren und eine herzwarme, menschlich zugewandte Beziehung zu ihm ausbilden. Humorvoll die eigene Unwissenheit und Unvollkommenheit erkennend, wendet sie sich geistig-seelischen Fragestellungen zu und vermittelt dem Zuschauer eine zusehends wachsende Bewusstheit ihres eigenen Ursprungs und Wesens.



Alles in allem ein gelungenes Filmprojekt, das bis in die äußere szenische Gestaltung das Vergängliche des Alten, Toten und Unwahren und das Werden des Neuen und Wahrhaftigen als natürlichen Verlauf erkennbar werden lässt – vermittelt durch einen nebulösen, undurchsichtigen Übergang, der symbolhaft zur Darstellung bringt, dass die gedankliche Durchdringung der von Rudolf Steiner (1861 – 1925) entwickelten Dreigliederung des sozialen Organismus – Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben – etwas ist, das uns ein Umdenken und Üben abverlangt, das wir noch nicht können, aber das als not-wendiges Entwicklungserfordernis ansteht.


Ein Film, der darauf abzielt, in einfacher Weise zu verdeutlichen, dass eine Dreigliederung des Sozialen nicht von außen durch Organisation und Veränderung der Strukturen umgesetzt werden kann, sondern in jeder Gruppierung oder Menschengemeinschaft nur von innen heraus, aus den innersten Impulsen frei denkender und wollender Menschen gebildet werden kann.


Jeder Mensch trägt in seinem tiefsten Inneren die Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, da er selbst ein dreigegliedertes Wesen mit Körper, Seele und Geist ist und mit seinen ihm gegebenen Seelenkräften Denken, Fühlen und Wollen (= Tat) in der realen Verwirklichung der Dreigliederung seines eigenen Wesens und der Beziehungen zu seiner Umwelt beständig darinnen steht.


Ein Film, der die Sinnfrage für ein lebendiges und authentisches Miteinander stellt und der allen Beteiligten – den Schauspielern und Zuschauern – das Erlebnis schenkt, dass ein Gelingen und jegliche Veränderung im Sozialen für sich und die anderen bei sich selbst beginnen muss. Ohne eigene innere Arbeit gibt es keine Veränderung im Außen.


Dieses Erlebnis zeigte sich ganz objektiv bei der Abschlussrunde des Filmwochenendes in der Christengemeinschaft Dortmund, bei dem auch der Filmproduzent Rainer Schnurre anwesend war. Unser Gruppenprozess war exemplarisch für das, was im Sozialen noch krankt bzw. unbewusst vor sich geht. Es bedurfte der mutigen Mitteilung eines Einzelnen, was er bei sich als Unwohlsein und in der Gruppe als Disharmonie und irreale Vorstellungen zum Thema wahrnahm, bis es nach einer Stunde jedem Einzelnen gelang, sich in Achtsamkeit für das Wohl aller zurückzunehmen und dadurch einen gemeinsamen Raum zu schaffen, in dem ein konstruktives und fruchtbares Gespräch zum wesentlichen Inhalt des Themas möglich wurde.


Der Mensch braucht für seine Entwicklung und Vervollkommnung den anderen Menschen! In der Begegnung können wir üben, auf drei Ebenen die verschiedenen Begegnungssphären bzw. Atmosphären (= Atemräume) wahrzunehmen und unterscheiden zu lernen.


ICH-Sphäre: Ein Einzelner erlebt sich als Ich zwar frei, aber einsam, da er sich von allem Äußeren abschließt (Freiheitssphäre).


DU-Sphäre: In der Begegnung zum Du geht der Mensch weg von sich, hin zum anderen Ich. Es entsteht durch das Interesse am anderen Austausch und Gegenseitigkeit in einer Beziehung (Rechtssphäre).


WIR-Sphäre: Erst im Wir können wir Gemeinsamkeit erleben, die jedoch nur dann entsteht und erlebbar wird, wenn es allen Beteiligten gelingt, vorurteilsfrei und mit innerer Toleranz dem anderen einen Freiraum für seine geistigen Intentionen und Willensimpulse zu schaffen (Brüderlichkeits- und Friedenssphäre). Erst dadurch wird das Wesenhafte des Christusimpulses in der Begegnung erlebbar und lebendig, was niemanden mehr ausschließt und die Menschheit als Ganzes vereint.


Annette Förster, Inhaberin des Kunstverlags Alchemia Mensch & Kunst, Soest

www.alchemia-kunstverlag.de

Website zum Film: www.von-vor-dem-sturm.de

Beitrag im "der Auf-Merker": der-aufmerker_3-2021.pdf (anthro.berlin)



10 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

KUNST im SOZIALEN?