KUNST im SOZIALEN?

Aktualisiert: Okt 6

Die nächste

friedliche Revolution

geschieht zur

Befreiung des Geisteslebens

- Rainer Schnurre -


Kunst mitten im sozialen Organismus?


Gesprächs-Eröffnung


Heutzutage ist es besonders schwer über die Kunst und das «Künstlerische» in ein unbefangenes, undogmatisches Gespräch zu kommen. Einerseits könnte man im Jahr 2021, dem 100sten Geburtstag von Joseph Beuys fragen: Hat er nicht schon im 20. Jahrhundert den Kunstbegriff dermaßen erweitert, dass nichts mehr hinzugefügt werden muss oder sogar kann? Joseph Beuys hat sein ganzes Leben eigentlich der Kunst und in diesem Zusammenhang gleichbedeutend, für die «Dreigliederung des sozialen Organismus» geopfert, indem er seine ungeheuren Geisteskräfte für die gesellschaftliche Gesundung hingegeben hat.


Seine bewundernswerte intensivste Hingabe kann uns ein flammendes Vorbild werden, wenn es

jetzt in unseren Tagen darum geht, dass die «Dreigliederung des sozialen Organismus» durch immer mehr Menschen vertreten wird, damit die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse gesunden können.


Der erste wirklich künstlerische Schritt wird der konkreten Verwirklichung gemeinschaftlicher

Zusammenarbeit geschuldet sein müssen, wenn überhaupt eine gesundende Wirkung in den gesamten gesellschaftlichen Verhältnissen erzielt werden soll.


Es ist an der Zeit, dass verschiedenste Strömungen der Dreigliederungs-Bewegung, all ihre mutig erworbenen Kräfte und Einsichten zusammenströmen lassen, damit ein gemeinsamer kraftvoller Strom daraus werde. Es muss eine geistige Stoßkraft und Durchschlagskraft entstehen, die die Einzelströmung und der Einzelkämpfer niemals zustande bringt.


Die Zeit ist reif für diese größtmögliche Zusammenarbeit.

Zu hoffen bleibt, dass wir uns auch als einzelne Menschen als reif genug erweisen, um in größtem Stile zusammenarbeiten zu können, indem wir einander dienen, uns gegenseitig fördern, um der Verwirklichung der Dreigliederung des sozialen Organismus, die uns ja alle verbindet, zu dienen.




I.


Kunst im sozialen Organismus?


Was ist das «Künstlerische» in aller Kunst?


Kunst ist schon ein Ergebnis, ein «Was». Ich frage zunächst nach dem «Wie», der Voraussetzung für ein Et-Was. Das hier gemeinte Künstlerische ist eine innere Haltung, eine grundlegende Herangehensweise, eine Fähigkeit. Diese Fähigkeit wird wenig beachtet, noch weniger geachtet und noch gar nicht gewürdigt. - Sie will entdeckt werden. - Diese künstlerische Herangehensweise ist eine zarte Gesinnung, die zunächst aus der Freiheit entsteht. Deshalb kann sie auch nur gewaltfrei ausgeübt werden. Diese «Schwäche» ist eine ihrer besonderen Stärken.


Diese künstlerische Herangehensweise eröffnet im Sozialen eine neue Kunstrichtung, die praktisch angewandt, gesellschaftsverändernd wirkt, da sie vom guten Willen sozialer Neugestaltung getragen und durchdrungen ist. Das «Soziale» beginnt mit der «menschlichen Begegnung». Schon in dieser dürren Aussage klingt ungeheuer viel mit. Schnell kann über diese Bemerkung intellektuell gründlich hinweg gesehen werden und ganz anderes für wichtiger und weit bedeutender gehalten werden.



Vom Neuen


Es ist selbstverständlich, dass eine neue Kunstrichtung zunächst missachtet werden muss, denn sie ist ja NEU. Ein wirklich Neues ist natürlich zunächst unbekannt. Beginnt sich das Neue zu artikulieren, so wird es in der Regel erst einmal abqualifiziert. Das Neue trifft, es kann ja nicht anders sein, zunächst auf das gewohnte Alte, das hinlänglich Bekannte. Das ist das Bequeme, Gemütliche, das vermeintlich Richtige und auch Sichere und deshalb das Beste.


Ein Neues trifft vor allem anderen auf unendlich viele Vorurteile. - Das Neue ist noch nicht einmal als neu erkannt, wird aber schon abgeurteilt. Weist man darauf hin, dass Vorurteilen der objektive Maßstab fehlt und Vorurteile lediglich subjektive Schwächen des Menschen darstellen, so hören das die heutigen Menschen ungern.


Das Neue trifft zunächst auf drei große Hindernisse: Es trifft immer auf ein

  • altes Denken,

  • ein gewohnheitsmäßiges Fühlen und

  • ein routinehaftes Handeln.

Um ein Neues verstehen zu können, brauche ich ein neues Denken, ein neues Empfinden und einen unbefangenen Willen. Dieses Können wird eine neue Fähigkeit. Zugleich brauche ich aber auch noch den «guten Willen» verstehen zu wollen. Oft mangelt es schon an diesem guten Willen.


Auch wenn zur Zeit Sprachregelungen Hochkonjunktur haben und nicht konforme Gedanken

gelöscht werden, bilden all diese Verbote die Vorboten eines Neuen. Um aber in die verhärteten

gesellschaftlichen Verhältnisse gesundend eingreifen zu können, bedarf es mächtiger schöpferischer Kräfte und besonderer Fähigkeiten sehr vieler Menschen.


Wir stehen eben vor der großen Gefahr den weithin wirkenden zerstörerischen Impulse nicht genügend kreative Widerstandskraft entgegenstellen zu können.


Die momentanen Verbote und Unterdrückungen sind deutlich schmerzhafte Presswehen. Noch ist nicht entschieden, was geboren werden wird. Soll es in gerader Linie zu weiterer Unterdrückung kommen? Oder wird bewusst ein neuer Schritt in die Freiheit vollzogen? In

die Freiheit, die der Verwirklichung der Dreigliederung die notwendigen Wege bahnt?



Künstlerisches Üben im Augenblick der «menschlichen Begegnung»


Sobald in die menschliche Begegnung, den Urort des Sozialen, ein künstlerisches Element einzieht, beginnt ein neues Üben. Ausgangspunkt des künstlerischen Übens ist mein Verstehen-Wollen. Auch dann verstehen zu wollen, wenn mein Gegenüber noch nicht künstlerisch übt. - Wir verspüren vielleicht schon jetzt, dass das Künstlerische im Sozialen in gewisser Weise Opfertaten fordert. Aber nicht ich fordere etwas vom anderen, sondern ich fordere etwas von mir selbst, indem ich meine künstlerische Herangehensweise übe, auch und gerade dann, wenn dies mein Gegenüber überhaupt nicht interessiert.


Das erste «Opfer» besteht darin, dass ich immer wieder meinen eigenen Standpunkt verlassen muss; muss, wenn ich verstehen will.


Verstehen heißt: den Standpunkt des anderen Menschen einnehmen zu können und zwar zunächst kommentarlos, vollkommen schweigend.

Mein dreifaches Schweigen im Denken, Fühlen und Wollen, ist das notwendig zu vollziehende Opfer. Was immer der andere Mensch sagt, mag es sich auch noch so falsch, noch so irrtümlich für mich anhören und anfühlen, ich höre mit aller Achtung den Gedanken meines Gegenübers zu. Dann erst entsteht die Möglichkeit ihn zu verstehen. Dies ist die Grund bildende künstlerische Herangehensweise in der menschlichen Begegnung, die man «Toleranz» nennt; aber jetzt von mir praktiziert und nicht vom anderen gefordert! Ich nenne dieses kommentarlose, dreifach schweigende intensive Zuhören: «Lauschen». In diesen Augenblicken bin ich ganz eins mit dem anderen Menschen. Ich denke seine Gedanken, indem er in mir denkt.


Das ist die verwirklichte Würdigung der menschlichen Würde.

Das Bisherige zusammengefasst:

  • «Das Ganze» kann nur nach und nach entwickelt werden.

  • Es ist zu unterscheiden zwischen Kunst, dem Was – und dem «Künstlerischen», dem Wie.

  • Die «künstlerische Herangehensweise» ist eine Fähigkeit, die durch Übung erlernt werden kann. - Sie kann nur aus der Freiheit entwickelt werden und ist deshalb gewaltfrei. Diese künstlerische Herangehensweise ist dazu da im Sozialen angewendet zu werden.

  • Urort des Sozialen ist die menschliche Begegnung. - Wer sich mit wachem Bewusstsein, schon im «Gespräch», künstlerisch verhält, erschafft durch diese Tätigkeit eine neue Kunst-Richtung, durch die künstlerische Herangehensweise im Sozialen, in der menschlichen Begegnung. Dieser neuen Kunst-Richtung tritt man einzig bei, indem man es im Lebensalltag konsequent anwendet, das heißt andauernd – ausdauernd. - Ausgangspunkt ist die Einsicht: Ich kann es nicht. - Aber ich übe.

  • Die künstlerische Herangehensweise erfordert eine anhaltende «Opfertat». - Ich fordere dabei nichts vom anderen, sondern nur von mir selbst. - Als erstes muss ich deshalb nach und nach all meine Vorurteile opfern, indem sie in der menschlichen Begegnung nach und nach abgeschliffen werden.

  • Den Mittelpunkt der menschlichen Begegnung bildet «das Gespräch». Gesprächsfähig werde ich durch mein dreifaches Schweigen, im Denken, Fühlen und Wollen. Dieses Opfer, das ich auch «Verzicht» nennen kann, eröffnet mir die Möglichkeit den anderen Menschen verstehen zu können. Genauer gesagt, bedarf es dieses Verzichts, um «Etwas» vom anderen Menschen verstehen zu können.

  • Dazu gehört mein Verstehen-Wollen, mein guter Wille. - Ohne diesen geht heutzutage gar nichts mehr.





II.


Was ist die Aufgabe der Kunst im sozialen Organismus?


Das Wesentlichste innerhalb eines sozialen Organismus ist der andere Mensch. Durch ihn entsteht die menschliche Begegnung. Und sie bedarf heutzutage einer künstlerischen Herangehensweise. Sie bildet damit das Herzzentrum einer jeden zu entwickelnden Kunst im menschlichen Miteinander.


Die gesamte soziale Frage muss künstlerisch erfasst werden. - Warum? - Wir benötigen unendliche Kreativkräfte, um aus dem heutigen sozialen Chaos herauszufinden. (Ein zusätzliches Problem ist entstanden dadurch, dass viele Menschen noch nicht einmal die gesellschaftlichen Verhältnisse als soziales Chaos erleben.) Bürokraten und Parteifunktionäre konnten uns unkünstlerisch in dieses soziale Chaos hineinführen. Aber sie finden niemals aus ihm heraus, da sie es gar nicht als ein solches wahrnehmen. Dazu werden neue schöpferische Kräfte gebraucht, die erst aus einem «befreiten Geistesleben» quellen können.


Wenn wir das Geistesleben zunächst nur grob umreißen, mit Wissenschaft, Kunst, Religion, so ist für unser gemeinsames Verständnis wichtig folgendes zu unterscheiden: Wenn ich von «Kunst» spreche und von «künstlerischer Herangehensweise», meine ich nicht den Sammelbegriff

Kunst, sondern die soziale Kunst, die alle gesellschaftlichen Bereiche des dreigegliederten

sozialen Organismus durchdringen kann, insofern sich Menschen in ihm bewegen.


Es geht um eine künstlerische Herangehensweise in allen drei Gebieten des sozialen Organismus, also auch im Bereich des politisch-demokratischen Rechst-Staates und in der Ökonomie.


Halten wir uns zurück mit den zu frühen Bemerkungen, wie Illusion, Träumer, Utopist. Abwarten, Geduld, gepaart mit gutem Wille verstehen zu wollen, sind hier notwendig.


Das Künstlerische im Sozialen ist das Wie im gegenseitigen Umgang. Es ist das Menschliche. Das ist es, was uns aus dem wachen Bewusstsein entschwunden ist. Dazu brauchen wir Zeit. Und wir nehmen uns Zeit. Wer sich diese Zeit nicht nehmen will, nimmt sie sich eben nicht.

Es ist tatsächlich schon eine Kunst einen gesamtgesellschaftlichen sozialen Organismus als einen solchen erfassen und verstehen zu lernen.

Aber warum sollte es wichtig sein eine solche Kunst zu erlernen?


Es hat mit dem Erwachen des individuellen Bewusstseins zu tun. In der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, überall geht es um Bewusstsein. Bleibe ich im gesellschaftlichen Leben unbewusst, während andere bewusst in ihren Bereichen agieren, so werde ich manipulierbar, ohne es durchschauen zu können.


Selbstständig zu denken ist wahrhaftig eine hohe Kunst. Diese hohe Kunst des selbstständigen Denkens wird weder in den höheren Schulen, noch an den Universitäten gelehrt.


Die Frage: Warum nicht? können wir zunächst offen lassen. Es könnte ja sein, dass es die Lehrer und Lehrerinnen, die Professorinnen und Professoren selbst nicht können. Wenn sie es aber können sollten, bleibt die Frage, warum sie es nicht lehren?


Wesentlich ist, dass der erwachsene Mensch sich das «selbstständige Denken» selber beibringen kann.



Der «Staat» ist immer weniger, als der gesamtgesellschaftliche Organismus. Dieser ist ein

lebendiger sozialer Organismus, weil er durch lebendige Menschen gebildet wird. Ein solcher

Organismus besteht immer aus drei Bereichen.


Warum? Einerseits weil jeder Mensch «Bedürfnisse» hat. Er muss essen, trinken, sich kleiden, irgendwo leben und schlafen und so weiter. Diese Bedürfnisse müssen befriedigt werden.


So bildet sich ein Wirtschaftsleben, einfach weil Bedarf entsteht. - Die Ökonomie entsteht nicht wegen des Profits, sondern wegen des menschlichen Bedarfs. - Entstehen im Wirtschaftsleben Aktivitäten, die nur auf Profitmaximierung gründen, so schädigen sie sehr viele Menschen und kränken zugleich den gesamten sozialen Organismus.


Andererseits haben wir ein Rechtsleben, das, wenn es gesund ist, Recht spricht, um das menschliche Zusammenleben möglichst gerecht für alle zu gestalten. - Der politisch-demokratische Rechtsstaat hat dafür zu sorgen, dass das demokratische Mitspracherecht und das gesellschaftliche Mitgestaltungsrecht aller mündigen Menschen tatsächlich verwirklicht wird und nicht nur behauptet.


Im dritten Glied eines sozialen Organismus, dem Geistesleben, geht es zunächst um Erziehung,

Bildung, Ausbildung, um die Förderung jedes einzelnen Menschen, um die Entwicklung all seiner

individuellen Fähigkeiten.



Von den drei «Wirkprinzipien» im sozialen Organismus


Es bedarf bestimmter Vorbedingungen, damit ein Wirtschaftsleben für den Bedarf der Menschen da sein kann. Ebenso gibt es Vorbedingungen, damit ein demokratisch-politischer Rechtsstaat wirklich demokratisch sein kann, um wahrhaft Recht sprechen zu können. Auch ein Geistesleben hat Vorbedingungen zu erfüllen, um die individuellen Fähigkeiten aller Menschen umfassend ausbilden zu können.


Dazu bedarf der soziale Organismus für jedes seiner drei Glieder ein unterschiedliches

«Wirkprinzip». Mit Wirkprinzip wird hier auf etwas ganz bestimmtes hingewiesen. Kann das entsprechende Wirkprinzip am richtigen Ort wirksam werden, so gesundet dieser Bereich.

Wenn aber das Wirkprinzip am falschen Ort wirkt, kränkt es den sozialen Organismus nicht nur,

sondern auf Dauer entstehen zerstörerische Prozesse, die mit der Zeit zu chaotischen Zuständen führen müssen. Solange man aber von dieser Gliederung des sozialen Organismus nichts ahnt, bemerkt man auch seine Chaotisierung nicht, sondern hält die kranken Prozesse für „normal“.


Das «Wirkprinzip» im Rechtsleben


Das Wirkprinzip, um ein gesundes Rechtsleben zu ermöglichen, ist die «Gleichheit». Damit der

Rechtsgrundsatz: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, verwirklicht werden kann, muss die

Rechtsprechung Gerechtigkeit walten lassen. - Ob sie das tut, ist noch eine ganz andere Frage. -

Auch im wahrhaft demokratischen Miteinander muss die Gleichheit verwirklicht werden. Hier muss das Urteil eines jeden mündigen Menschen gehört werden. Und dieses Urteil muss das gesamte demokratische Rechtsleben entsprechend mitgestalten können. - Andernfalls herrschen undemokratische Verhältnisse. - Der Gleichheitsgrundsatz ist den meisten Menschen bekannt und vertraut, ob es realisiert wird, ist eine andere Frage. Das Wirkprinzip der Gleichheit gehört ausschließlich in dieses staatlich-demokratische Rechtsleben.


Das «Wirkprinzip» im Geistesleben


Im zweiten Bereich des sozialen Organismus, dem Geistesleben muss, wenn es gesunden soll, das Wirkprinzip der «Freiheit» verwirklicht werden, da es hier um die Förderung der individuellen Fähigkeiten geht. Dazu müssen die Erziehenden, Lehrenden, Ausbildenden, Forschenden völlig frei und selbst bestimmt sein, um sich auf die einzelne konkrete menschliche Individualität einstellen zu können. Da kann und darf keine „Gleichheit“ als Wirkprinzip herrschen, wie etwa im Zentralabitur. Hier muss, wenn das Geistesleben gesunden soll, und das soll es, aus dem Wirkprinzip der Freiheit heraus gearbeitet werden können. Und Freiheit muss selbst verantwortet werden und deshalb muss das Geistesleben zugleich seine Selbstverwaltung übernehmen.


Das «Wirkprinzip» im Wirtschaftsleben


Im dritten Glied des gesunden sozialen Organismus, dem Wirtschaftsleben, muss das Wirkprinzip der «Brüderlichkeit» verwirklicht werden. - Was aber ist im heutigen Wirtschaftsleben mit moderner, mit zeitgemäßer Brüderlichkeit gemeint? - Heutzutage herrscht in der Ökonomie das Dogma der «Konkurrenz». Wir können gegenwärtig schon deutlich sehen, wie oftmals die 'Kleinen' früher oder später von den 'Großen' geschluckt oder zerstört werden, je nach der Mächtigkeit der Großen.


Oder wie zur Zeit durch staatliche Übergriffe kleine und die mittelständische Unternehmen in

großem Umfang ruiniert werden. Je weiter diese ungesunde Entwicklung fortschreitet, desto mehr Zerstörungen und Abhängigkeiten von den wenigen 'Großen' entstehen. Der globale Konkurrenzkampf, wie man es inzwischen nennt, hat dazu geführt, dass es nur noch Wirtschaftskriege gibt. Alles andere Getöne, wie Menschenrechte und Demokratie, sind nur die Bemäntlungen und Beschönigungen der Kriegsführung.


Die weltweiten Zerstörungsprozesse in allen Gesellschaften werden erst durch die Alternative brüderlicher Zusammenarbeit in «Assoziationen» zu einer gründlichen Gesundung führen. Eine Form der «Assoziationen» wird zum Beispiel die brüderliche Zusammenarbeit zwischen Produzenten, Konsumenten und den Handeltreibenden sein. Sie sollen sich gemeinsam an den „runden Tisch“ begeben und ein gegenseitiges Interesse entwickeln für die jeweils anderen Positionen. So kann sich Interesse mit Interesse verbinden und dadurch entsteht ein umfassendes Verständnis über den wirklichen Bedarf. Ebenso wichtig ist die Einsicht, was die Produktion und der Handel benötigen, damit gemeinsam eine allseitig befriedigende Lösung und ein gesunder «Preis» gefunden werden kann.


Vielleicht hat die Eine oder der Andere sich schon ungeduldig gefragt: Ja, wann kommt er denn nun endlich auf die Kunst zurück? - Bitte vergessen wir nicht, dass das Verstehen eines sozialen

Organismus schon eine Kunst für sich darstellt, insofern haben wir die Kunst gar nicht verlassen.






III.


Was ist die Aufgabe des «Künstlerischen» und der «Kunst» im sozialen Organismus?


Bedeutend ist die Grundeinsicht, dass wir einen sozialen «Organismus» nicht einfach abstrakt

organisieren sollen, sonst werden wir ihn kränken. Denn ein Organismus kann, weil er lebendig ist, tatsächlich erkranken. Deshalb soll er organisch entwickelt werden.


Um die Aufgaben der drei «Wirkprinzipien» im sozialen Organismus künstlerisch zu erfassen, wird es notwendig, darauf zu achten, dass diese drei Glieder eines sozialen Organismus nur dann sich gesund entwickeln, wenn jedes der drei Wirkprinzipien an der jeweils richtigen Stelle zur vollen Entfaltung kommt. Dazu muss ich aber einsehen, warum es nur in dem jeweiligen Glied an der richtigen Stelle steht.


Der künstlerische Blick erkennt, dass sich in jedem der drei Glieder eine andere «Atmosphäre» darlebt. Es ist Teil der Kunst, diese unterschiedlichen Atmosphären bewusst wahrzunehmen, um die drei Verschiedenheiten beschreiben zu können.


Von Atmosphäre spreche ich im Sinne ihrer ursprünglichen Bedeutung, als einen «gemeinsamen Atemraum». Der gemeinsame Atemraum der «Freiheit», muss doch ein ganz anderer sein, als der gemeinsame Atemraum der «Gleichheit». Und der gemeinsame Atemraum der «Brüderlichkeit» kann doch nur ein ganz anderer sein, als der gemeinsame Atemraum der Gleichheit oder der der Freiheit.


Diese Unterschiede zu beschreiben und auch die Beschreibung zunächst unbefangen auf sich

wirken zu lassen, bedarf schon einer künstlerischen Herangehensweise.


Denn selbstverständlich kann man grundsätzlich an jeder Stelle eines Gedankenganges einhaken und seine Bedenken äußern und seinen eigenen Standpunkt für den richtigeren und bedeutenderen halten. Selbstverständlich wird es auch Menschen geben, die viel klarer, geschickter und besser die Dinge beschreiben können, als ich es hier vorbringe. - Aber wie ich künstlerisch übe, um auf die brennenden sozialen Fragen einzugehen, gehe eben nur ich so ein. Und natürlich ist es nur eine Sicht unter vielen möglichen Sichten. Aber diese Sicht hat in ihrer künstlerischen Herangehensweise unscheinbare Dinge im Sozialen entdeckt, die doch interessante kleine Mosaike zum großen Bilde der Dreigliederung des sozialen Organismus beitragen.



Wo und Wie kann ich praktisch üben?


Eine Frage hat mich Jahrzehntelang beunruhigend begleitet: Wo und wie kann ich praktisch üben, wenn doch die «Dreigliederung des sozialen Organismus» noch nirgends im großen Zusammenhang verwirklicht ist?


Auf diese widersprüchliche Frage gibt es inzwischen eine praktische Antwort.


Über eine solche Entdeckung kann selbstverständlich geringschätzend, mit unkünstlerischem

Intellektualismus hinweggeschritten werden.


Für künstlerisch empfindende Seelen und Geister eröffnet es jedoch ein praktischer Übungsweg mitten im Sozialen.


Wir können tatsächlich schon in der «menschlichen Begegnung» eine Dreigliederung des sozialen Organismus finden. Wo sich zwei Menschen begegnen wird immer, auch wenn es uns unbewusst bleiben mag, eine soziale Sphäre eröffnet. Das heißt, schon dort, wo sich zwei Menschen begegnen, bildet sich ein kleiner sozialer Organismus, der auch schon dreigegliedert ist.


Wir können bereits in der menschlichen Begegnung eine «soziale Dreigliederung» finden. Durch

dieses Auffinden können wir tatsächlich schon jetzt uns praktisch übend, bewusst vorbereiten, um die notwendigen neuen sozialen Fähigkeiten wenigsten anfänglich zu entwickeln, die wir brauchen, um die Dreigliederung des sozialen Organismus im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang verwirklichen zu können. Wer Neues in die Welt einbringen will, muss doch zugleich selber – in sich – Neues entwickeln.



Die menschliche Begegnung als Ort einer «sozialen Dreigliederung»


Drei Grundfragen werden uns dabei begleiten, die das Auffinden ermöglichen.


Die menschliche Begegnung ist, wie schon betont wurde, der Urort des Sozialen. Das «Urgeschehen» in der menschlichen Begegnung ist «das Gespräch». Damit ist sehr viel umfasst. Auf jeden Fall ist mehr darunter zu verstehen, als man spontan darunter zu verstehen glaubt. Und die zwei «Urtätigkeiten» im Gespräch sind das Aussprechen und das Zuhören. Beide Fähigkeiten können unbegrenzt gesteigert werden, das ganze Leben hindurch.


Die menschliche Sprache, insofern sie durch den Sprachgenius eines Volkes impulsiert ist, wird von tiefsten Wahrheiten durchzogen. Manchmal ist es notwendig diese neu zu entdecken, besonders in Zeiten der Hochkonjunktur politischer Phrasenhaftigkeit, „alternativer Fakten“ und sogenannter Hasskommentare. Wir benötigen, (wie es der Sprachforscher Eberhard Etzin in Berlin mir gegenüber schon Anfang der 1990er Jahre aussprach), ein «Sprachgewissen». Ohne ein solches neu zu entwickeln, verlören wir unsere letzte Verbindung zum anderen Menschen. Das aber brächte uns den vorgezogenen Kampf jeder gegen jeden, den «Kampf aller gegen alle» und damit den Untergang der menschlichen Zivilisation.


Die Weisheiten in der menschlichen Sprache können durch gewissenhaftes Nachdenken, Durchdenken, Selbstdenken wiedergefunden werden. Auf die soziale Dreigliederung der menschlichen Begegnung bezogen, sowie auf das Gespräch, bringen uns im Deutschen drei kurze, im Alltag oft benutzte Worte auf die Spur:


Ich – Du – Wir

Wenn wir die menschliche Geste dabei zu Hilfe nehmen, wird schon manches deutlicher. Sage ich: «Ich», so weise ich auf mich selbst. Sage ich: «Du», so weise ich zum anderen Menschen hin und zugleich von mir weg. In der Geste des «Wir» breite ich vielleicht beide Arme aus, andeutend viele zu umfassen. Damit entstehen drei Grundforschungsfragen.


Die erste Frage lautet:


«Was sage ich, wenn ich Ich sage?»


Wie oft sage ich «Ich» am Tage? Verstehe ich wirklich, was ich damit eigentlich alles zugleich auch noch sage? Erfasse ich zum Beispiel mit wachem Bewusstsein, dass wenn ich «Ich» sage, dass ich mich in dem Augenblick von allen anderen Menschen trenne? Dass ich mich auch von aller Welt trenne? Mit jedem Ich-sagen trenne ich mich von allen Dingen und von allen anderen Wesenheiten.


Ich gerate in eine vollkommene Einsamkeit. Ich erlebe mich einsam. - Freisein heißt auch einsam sein.

Zusammengefasst: Die Ich-Sphäre bildet die Freiheits-Sphäre der Menschen.

Die zweite Forschungsfrage lautet:


«Was sagst du, wenn du Du sagst?»


Wenn der Mensch Du sagt, sagt er zugleich: Nicht ich. Aber er sagt außerdem: das andere Ich. Im

Du-Sagen weise ich von mir weg, zum Anderen hin. Der Andere ist der «Sozius», mit ihm ist die

soziale Sphäre eröffnet. Die menschliche Begegnung ist eine gegenseitige Du-Begegnung. Denn

auch ich bin für den anderen Menschen ein Du. Hier geht es um die Gegenseitigkeit, die Gleichheit im Zwischen-Uns, allein schon durch unser Menschsein.


Zusammengefasst: Die Du-Sphäre wird zur Gleichheits-Sphäre, dem «Zwischen-Uns», dem Dir und Mir.

Die dritte Frage lautet:


«Was sagen wir, wenn wir Wir sagen?»


Beim Wir müssen wir zunächst das «kleine Wir» vom «großen Wir» unterscheiden. Das kleine Wir ist ein ausgrenzendes Wir. - Wir sind eine Familie. Wir sind Deutsche. Wir sind Frauen. Wir sind katholisch. Wir sind Anthroposophen. Wir sind Atheisten.


Außerdem sind wir aber auch die eine unteilbare Menschheit. Das ist das ganz große Wir. Hier geht es um die brüderliche Gemeinsamkeit.

Zusammengefasst: Die Wir-Sphäre kann zur Brüderlichkeits-Sphäre gestaltet werden.




IV.


Spätestens jetzt bedarf es einer notwendigen Zwischenbemerkung zur «Brüderlichkeit».


Habe ich doch bereits mehrmals die Brüderlichkeit erwähnt, sodass manche sich schon ungeduldig gefragt haben werden: Ist der denn völlig hinterm Mond? Hat der noch immer nicht gemerkt, dass da die Schwestern gar nicht vorkommen?


Wo bleiben die Schwestern in der Brüderlichkeit?


Diese Frage so gestellt zeigt, dass kein Bewusstsein vorhanden ist dafür, was die Brüderlichkeit

überhaupt ist. Eines ist Brüderlichkeit ganz gewiss nicht, ein Geschlechtsbegriff. Das ist das Grundmissverständnis.


Wenn ich bei Brüderlichkeit nur auf die «Brüder» schaue, so verwechsle ich Brüderlichkeit mit «Bruderschaft», die es eben auch gibt. Zu dieser Verwirrung stiftenden Vertauschung trägt besonders die englische Urfassung von Artikel 1 der UN-Menschenrechte bei. Dort wird gerade nicht von Brüderlichkeit: «brotherliness» gesprochen, sondern von «brotherhood», von

«Bruderschaft».


Und nun wird diese englisch/amerikanische Bruderschaft, dieses kleine Wir, im Deutschen

berichtigt, indem es hier «Brüderlichkeit» heißt, dem größten Wir oder im Französischen mit

«fraternité», der ursprünglichen Brüderlichkeit, dem menschheitlichen Wir.


Allein eine solch «kleine», aber letztlich weltweite, riesige Begriffsverwirrung führt dann dazu,

dass man den tiefsten Sinn eines so wertvollen Begriffes nicht mehr erfasst und deshalb glaubt

willkürlich einfach ein anderes Wort an seine Stelle setzen zu dürfen. - Und das darf eben gerade nicht geschehen, denn «fraternité» oder eben «Brüderlichkeit» muss praktiziert werden.


Brüderlichkeit ist ein Menschheitsbegriff. Brüderlichkeit ist der einzige allumfassende Begriff für das Wie, wie wir als die eine Menschheit, mit allen Menschen, im leiblichen Sinne, umgehen sollen oder eben müssen wollen. - Denn wir, die zerstrittenen Nationen, die eben keine „Vereinten Nationen“ sind, tun es ja bisher gerade nicht.


Durch diese weitere Tatsache entsteht zusätzlich eine innerliche, meist unbewusste Aversion gegen den Begriff der «Brüderlichkeit», weil wir sie nicht verwirklichen - wird sie zurecht als Lebenslüge empfunden. Wir reden nur intellektuell, abstrakt über sie. So liegt es nahe das «Wort» Brüderlichkeit auszutauschen, wenn in ihm die «Schwestern» zu fehlen scheinen und andererseits innerhalb der Menschheit doch nur eine leere Worthülse als tote Phrase herumgeistert, die keiner Lebensrealität und damit keiner Wahrheit entspricht. - Daraus zieht man nun den Kurzschluss: Dann kann man Brüderlichkeit auch mit «Geschwisterlichkeit» vertauschen oder mit so was wie «Solidarität».


Inzwischen trauen sich die meisten Menschen schon nicht mehr den Begriff der Brüderlichkeit zu verwenden. Zu groß erscheint ihnen inzwischen der Mainstream-Druck. Diese Erkenntnis-Feigheit, sich einem übermächtigem Mainstream zu beugen, ist ein Verrat an der Sprache und an der Wahrheit.


Wird die Brüderlichkeit aus dem Sprachbewusstsein gelöscht und mit einem falschen Begriff

vertauscht, so wird sich auch die Fähigkeit der Brüderlichkeit nicht gesund entwickeln. Denn in

unserer Zeit muss alles von klarem Bewusstsein durchdrungen werden.


Selbst John Lennon singt von «brotherhood», obwohl er die Brüderlichkeit meint. Wenn der unwissende Mainstream siegt und wir statt der Brüderlichkeit nun «Solidarität» oder

«Geschwisterlichkeit» sagen „müssen“, wird die Sprachverwirrung wieder einen Schritt vorangekommen sein. Denn die «Geschwisterlichkeit» gehört gerade nicht an die Stelle der Brüderlichkeit. Ihr richtiger Platz ist woanders. Wird dies nicht durchschaut, so wird auch noch die Geschwisterlichkeit doppelt verdreht.


Hüten wir uns davor die Brüderlichkeit mit der Geschwisterlichkeit zu verwechseln.

Wenn von Geschwisterlichkeit die Rede ist und von Brüderlichkeit, dann fehlt zunächst die dritte im Bunde, die «Schwesterlichkeit». Eine wirkliche Ordnung entsteht erst, wenn alle drei an ihrer

jeweils richtigen Stelle stehen:

  • Schwesterlichkeit

  • Geschwisterlichkeit

  • Brüderlichkeit

Die «Brüderlichkeit» bezieht sich auf den menschlichen «Leib». Sie will die Not und das Elend

des in Not geratenen Menschen lindern oder gar zu überwinden suchen, ohne ein Hinschielen auf Gewinn, Profit, Prestige oder auch nur Anerkennung.


Not und Elend in der Welt entstehen durch ein nicht brüderliches Wirtschaftsleben, durch eine konkurrierende, ausschließlich auf Gewinnmaximierung zentrierte Ökonomie. Not und Elend in der Menschheit sind durch die unmenschliche Anhäufung von Geld und Macht bei wenigen Menschen verursacht, durch die Missachtung der Brüderlichkeit.


Die «Geschwisterlichkeit» bezieht sich auf die «Gleichheitssphäre», denn wir gehören alle der

einen Menschheit an. - Wir sind Geschwister der einen Menschheits-Familie. - Der demokratische Rechtsstaat hat für die geschwisterliche «Gleichheit» vor dem Gesetz Sorge zu tragen. - Alles Rechtsleben beruht auf einem «Rechtsempfinden». Das heißt die Geschwisterlichkeit ruht auf einer «seelischen» Grundlage.


Die «Schwesterlichkeit» ist die Unbekannteste unter den Dreien, die bisher Unbeachtete. Sie

bezieht sich auf das «Geistige». Sie ist die «Sophia», die so oft verachtete Weisheit in heutiger Zeit; sei es die Philo-Sophia, sei es die Theo-Sophia und die am schärfsten verachtete Anthropo-Sophia.